Ein Nachmittag in Dangast

Eine Fotoexkursion

Das ur-dangastische Folk am Jadebusen verweist mit schäumenden Lippen darauf, dass Dangast als Künstlerdorf einen internationalen Rang belegt, quasi ein Worpswede im friesischen Schafspelz (s. Ein Tag in Worpswede). Gleichzeitig putzen dieselben Insassen ihren Ort mit dem Prädikat ›Fischerdorf‹ auf. Offiziell trägt Dangast den Titel ›Nordseebad‹.
Ja wat denn nu?
Ich begebe mich mit meiner Kamera auf die Suche nach der Dreiheiligkeit von Kunst, Brathering und Badesalz. Noch bin ich nicht im Ortskern, da raunt es rauschhaft schon vor verzückter Selbstzeihung: Fremder, tritt kühnen Schrittes ein in die begehbare Künstlerbiografie Radziwill, einer nicht gerade kleinlauten Parallele zum begehbaren Künstlerabort in Worpswede  (s. Ein Tag in Worpswede). Hier nun erwarten den willigen Begeher keine schlangenfauchenden Kachelwände in Weiß & Unschuldig, sondern ein Environment aus Schildern, Pfosten, Tafel, Fahne, Laubwerk und Begehbarkeit.

 

Radziwill
Begehbare Biografie

Noch zeigen sich keine Künstler (und Herr Radziwill hat längst die Ewigkeit geschaut). Vermutlich sind sie schwer am Rackern in ihren verstopften Ateliers, denn die kargen Künstlerbrosamen wollen erpinselt sein. Also rasch weiter zum Kern des Ortes. Überraschung Numero 2: Wo in Worpswede ein Parkplatz als Ziel & Lebensmitte sich elegisch ausbreitet (s. Ein Tag in Worpswede), überrascht Dangast den Nichtsahnenden (Kinnherunterklapp) mit einem wuschigen Campingplatz. Ein Eyecatcher, derzeit verwaist, dafür begehbar und deshalb: oho!

 

Campingplatz
Ortskern, Eyecatcher

 

Ich frage einen Vorbeischlurfenden: „Wo sind die Künstler?“ Antwort: „Ich bin nicht von hier.“

Ich trete zu einem Herrn mit einem Fernglas: „Wo bitte schön finde ich die Fischer?“ Antwort: „Wenn ich von hier wäre, könnte ich es sagen, so aber…“

Ich frage zwei Frauen mit Regenschirmen: „Wo treffe ich die, die von hier sind?“ Betrübt kehren sie mir den Rücken zu und granteln: »Wir sind auch nicht von hier.«

 

Auch nicht von hier
Auch nicht von hier

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rechter Hand führt ein begehbarer Pfad vom Camping weg, und da, hinter Büschen erglänzt, was Dangast einzig & allein macht: die Künstlerkolonien. In diesen Mauern also pulsiert das Leben voll von Quasten & Pinseln, feuchten Farben & klammen Hosen, Maskeraden & Scharaden, Manifesten & Protesten, durchgeorgelten Feten im Rausch visionärer Maßlosigkeiten und überhaupt allem, was ich mir unter einem Künstlerleben vorstellen kann, Mannomann.

 

Bauten 2
Künstlerkolonie 2
Bauten 1
Künstlerkolonie 1

 

 

 

 

 

 

Unweit davon ducken sich geduckte Fischerkaten Reih an Reih (Fischerkaten sind immer geduckt; allen Fischerkaten ist das Geduckte zu eigen; sollte jemand auf eine nicht geduckte Fischerkate stoßen, so ist es keine Fischerkate, denn diese hat geduckt zu sein; die Heimatliteratur, die Aufschluss über Fischerkaten gibt, spricht ausschließlich von der Geducktheit bzw. dem Geducktsein von Fischerkaten, erwähnt allerdings auch sog. geduckte Torfstecherkaten, in denen sich, wie der Name sagt, keine geduckten Fischer aufhalten).

 

Bauten 4
Fischerkaten: geduckt
Bauten 5
Fischerkaten: auch geduckt
Bauten 3
Fischersiedlung: ebenfalls geduckt

 

 

 

 

 

 

Schritt für Schritt stoße ich nun auf Zeugen von Künstlertum und Fischereigewese. Sieh nur dort, eine begehbare Inszenierung mit Kunsttafel, Kunstsitzbank und Kunstrohren.

 

TafelBankRohre
links Kunsttafel, rechts Kunstsitzbank, hinten links Kunstgestell, Mitte rechts Baum

 

Anlandig im Watt dümpelt ein Fischerkahn, ehrlos verlassen von seinem Schiffersmann, der sich vermutlich den Köm hinter das Friesenhemd kippt drüben in seiner geduckten Fischerkate, wo die wässrige Aalsuppe auf dem Torffeuer schmurgelt und die Fischerskinder hungern und hoffen, dass dicke Granteltanten, die nicht von hier sind, einen Taler in die Reuse werfen. Oder wenigstens einen mitleidigen Blick.

 

Fischerboot
Fischerkahn, davor Poller

 

Einen Armutsbericht weiter wird der Besucher zu einer Aussichtsplattform geführt, die das unstete Auge zu einem Kunstwerk im Wasser lenkt, eine Skulptur, diesmal nicht gestiftet von der Deutschen Bank. Auch nicht vom hiesigen Edekaladen. Schon gar nicht vom Fischer Cassens, denn der hat selbst nichts auf dem Hemd als Kömflecken und Hungergören. Und ob du es glaubst oder nicht, niemand fragt nach, nicht die, die nicht von hier sind, auch nicht die, die von hier sind, aber nicht hier sind.

 

Plattform (Sprungbrett)
Aussichtsplattform; im Wassser: Skulptur

 

Und wieder ein Environment, das begehbare sozialkritische Ensemble ›Gemütlichkeit‹.

Environment 2
Begehbares Ensemble „Gemütlichkeit“ (sozialkritisch)

 

Meine Kamera klickt und klickt:

 

Sesselkunst
Solarium + Schautafel (Gebrauchsanweisung?)

 

Environment
Tableau der Gewalt: „Entrechtung“

 

Festivalzelt
Kurhalle: Vernissagen, Streichquartette, Sekt, Kaviar, Hummersuppe

 

Mülltonnen
Spuren menschlicher Entwesung (Kunst, Brathering, Badesalz: sortiert)

 

Bedürfnisanstalt
Kulturhaltepunkt „Am Kunstpfad“

 

Genug der Ausbeute! Zwar bin ich weder einem Künstler noch Fischer noch Badendem begegnet, dafür aber bevölkerungsähnlichen Individuen, die nicht von hier sind. Trotzdem: Leute, die von hier sind, wähnen sich nicht zu Unrecht (siehe Fotobeweise) in einem Künstler- und Fischerdorf. Sie nennen es Dangast.

 

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Heimat – ein Nixverstahn

Zur Zeit ist »Heimat« das Riesenschlagloch, ich meine Schlagwort, das uns Rezipienten von Politikvertretern, von Medien & Mediokratien (Achtung: Wortschöpfung) in den Schlund geschoben wird als Geistesnahrung und demokratischem Notfallbrocken. Da offenkundig niemand weiß, was Heimat ist, wo sie herkommt und was unter ihrem Rockzipfel modert oder köchelt, erbrechen die Interpretationshohepriester wohlfeile Phrasen und dreschflegeln damit auf unsere armen Untertanenbirnen.

Wir Dummdeutschen sehnen uns nach Heimat, das sagen die Bundeswahlergebnis-deuter, und sie beruhigen ihr Entsetzen darüber mit Sprechblasen, die wiederum uns erschrecken, weil, was sagen uns eigentlich die Worte unseres Bundessedativums Steinmeier: »Verstehen und verstanden werden, das ist Heimat.«

Bitte? Bin ich also, der diesen Satz nicht versteht, einer dieser gefährlichen gefühlt Heimatlosen, die die AFD wählen (Achtung, kein Missverständnis bittschön, ich wähle ganz bestimmt nicht die AFD!). Oder macht mich der Bundespräsi erst dazu, indem er solche Sätze absondert? Kann es nicht eher sein, dass er die Begriffe verwechselt, dass er ›Verstehen‹ für ›Verständnis aufbringen‹ hält? Verstehen ist für mich zumindest eine Vorform und eine der Bedingungen des Ausdrucks ›Verständnis aufbringen‹. Und selbst damit ist noch lange keine Heimat hergestellt oder geortet. Verstehen und verstanden werden ist ein Satz, der in seiner Trivialität auf jeden & alles (und damit auf nichts) angewendet werden kann: auf Kameradschaftszusammenhalt; auf ein Psychorollenspiel; auf Todfeindschaften (ich verstehe die Ansichten meines Kontrahenten, die machen mich rasend; und meine Ansichten werden von ihm verstanden, was ihn wiederum rasend macht). Oder, anwendet auf die Niederungen friesischen Brauchtums: auf die Sauftour mit Böllerwagen und anschließendem Kotzgelage, denn ohne verstehen und verstanden werden der Beteiligten funktioniert das nicht.

Ist das schon Heimat?

Vermutlich sind den Wahlforschern von vornherein die Begriffe durcheinander geraten. Statt Heimat, diesem diffusen Schlagwort mit rechtsradikaler Konnotation und deutschhistorisch vergifteter Färbung meinten sie wahrscheinlich HEILE WELT, aber die Konsumenten des unklaren Begriffs Heimat nehmen ihn unkritisch und begierig auf, und so sabbeln sie denn auch.

Heimat, um überhaupt das Wort in den Mund zu nehmen, ist für mich der Ort oder die Umgebung, die auch das Nichtverstehen zulässt, wo auch miteinander gefetzt wird, wo man manchmal mit seiner Ansicht alleine dasteht, wo sich Argumente gegeneinander querstellen und nicht aufgelöst werden können. Das andere ist heile Welt oder Schlaraffenland.

»Heimat entsteht durch das Handeln« überschriftet eine Florentine Fritzen in der FAS. Klar, aber entsteht Heimat nicht auch durch Atmen und beatmet werden? Heh, nicht abwinken, schwer nachdenken, ist schließlich ein Transfer des steinmeierschen Epigramms auf die Fritzenebene und damit Hochdiskurs. Oder dies: »Trinken und betrunken werden, so konstituiert sich Heimat.« (Hajo, im Traditionsmodus, siehe Böllerwagen).

Wieder ernsthaft:

Wer noch immer über das Tiefsinnige der Metaphernschwämme unserer Volxversteher grübelt, für den habe ich eine Denkaufgabe: Heimat entsteht, wenn Deutungshoheiten sie definieren. (So, wie ein Pissoir zur Kunst wird, so es denn zur Kunst erklärt wird, s. Marcel Duchant).

Ein kleiner Vorschlag an die Politiker: Sich nicht in das Heimatgedudel hineinziehen lassen, nicht darüber mit taktischem, also verlogenem Wischiwaschigewäsch á la Merkel die Zeit vergeuden. Stattdessen die vielen konkreten Probleme (Pflege, Rente, Bildung etc.) angehen. Das Anwachsen der Politikverdrossenheit und der Wut wird nicht durch Heimatgefasel gebremst.

Moin

Ein Tag in Worpswede

Wer nach Worpswede fährt, erwartet ein Künstlerdorf mit allem, was dazu gehört: Ein Dorf und Künstler. Vor der Fahrt hatte ich einiges über das Künstlerdorf Worpswede gelesen, Stichworte: der Barkenhof, Heinrich Vogeler, die Künstlerkolonie, der R. M. Rilke, die Museen, Paula Modersohn-Becker, das Bild »Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhof« von Heinrich Vogeler, das Buch »Konzert ohne Dichter« von Klaus Modick, die Käseglocke sowie Künstlerhäuser, aus denen dir die Kunst anspringt wie, sagen wir, eine Zecke an die blanke Wade beim Pilzsammeln im Unterholz. Mit anderen Worten: Hochkultur & Historische Reminiszenzen, quasi Gänsehaut.

 

Worpswede-4
Im Zentrum der Kunst

 

Zum Herzen des Künstlerdorfes vorzudringen heißt, einen aufgeräumten ausladenden Parkplatz anzusteuern und zu begehen. Von hier aus: Kunst. Das Gefühl beklemmender Hochkultur, dem ich womöglich nicht gewachsen sein könnte, weicht beim Anblick hie & da parkender Autos einer aufseufzenden Erleichterung. Sternförmig vom Parkplatz ausstrahlend verlaufen die Wege zu Vogeler & Rilke & Modersohn-Becker und überhaupt zu den Stätten & Spuren der Künstlerkolonie, doch halt, vorher fängt mein Auge eine Installation ein, dort am Toiletten- und Kioskhäuschen: Wie zufällig hingeschlotzt und doch komponiert lagern unter der Infotafel Ballen von Zeitungen, geschnürt in Plastikriemchen. Erstes ahnungsvolles Aufleuchten, Hinweis und Selbstbeschreibung zugleich, Kunst.

 

Worpswede
Komponiert hingeschlotzt

 

Ein Reisebus hält, schockweise quellen Weißhaarige heraus im strengen Rentner-Dresscode (beige Funktionsjacke, beiges Hosenwerk). Zielmunter schreiten sie aus, die gerade Linie einhaltend, dorthin, zum preisgünstigen Café, wo Torten und Flammkuchen zum Verzehr animieren. Andere Grüppchen streben zu den Toiletteneingängen, und da spüre auch ich den Drang des Harns, folge den Rentnern und finde mich in einer kunstvoll ausgemalten Weihehalle wieder mit grünen und roten Schlangen ausgezierten Wänden, einem Interieur, das die Profanität der Stätte Lügen straft.

 

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Hier artikuliert sich das banale Pissen als performatives Event, eine Fremderfahrung, quasi ein begehbares Künstlerabort wie andernorts eine begehbare Künstlerbiografie zum Erkunden einlädt (s. Ein Nachmittag in Dangast).

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Begehbares Künstlerabort

Genug der Impressionen und überwältigenden Fülle an Anregungen. Draußen schnell noch einen Blick auf eine Buddha-Statue geworfen, genannt »Der Bonze des Humors« (oh diese Worpsweder!),

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Der Bonze des Humors

und da fallen auch schon unsere Rentner aus dem Café, ergiebig aufgefüllt, gestärkt für die Fahrt zum nächsten Kunsterlebnis. Der Busfahrer wartet bereits, und niemand, auch ich nicht, vermisst den Buchladen und den Netto-Markt und den 1-Euro-Laden, Zulieferer, die vermutlich weit entfernt vom Worpsweder Kunstzentrum das Völkchen bedienen, das durch die Weden worpst und sich nicht ungeschickt »Die Worpsweder« nennt.

 

Zeteler Erinnerungskultur

Wenn der Suff zuschlägt, saufen zuerst die Gehirnzellen ab und japsen um Gnade. So könnte man die Folgen übermäßigen Alkoholkonsums beschreiben. Dass eine Eintrübung der grauen Zellen auch ohne Zufuhr von Korn & Bier, dem traditionellen nordischen »Gedeck« nicht unmöglich scheint, führen uns dieser Tage die Ratsherren aus Zetel in der friesischen Wehde vor Augen. Der Kunstverein »Bahner« hatte ein Mahnmal initiiert, mit dem der Zwangsarbeiter gedacht werden sollte, die die Bundesstraße zwischen Bockhorn und Neuenburg während der NS-Zeit errichteten. Für das Projekt hatten die »Bahner« bereits 7500 Euro an Zuschüssen eingeworben, und die Gemeinde Zetel wurde um eine Restsumme von 4000 Euro gebeten. Aber nix da. Auf Antrag der SPD wurde das Thema zurückgestellt.

Ein üblicher lokalpolitischer Vorgang? Wenn man davon absieht, dass der friesische Wehdekopp mit einer Aufarbeitung seiner Vergangenheit eh nichts zu tun haben will und diesen seinen Kopp lieber in den Urwaldboden schraubt und nix sehen will von den dunklen Seiten und damit gleichfalls nix von einer üblen Zukunft, die auf ihn zurollen könnte, da er keine Lehren ziehen kann oder will aus seiner verdrängten Geschichte, keine Werkzeuge in die Hand nehmen will, um eine Wiederholung zu verhindern.

‚Dieses Erinnerungsgetue an die dunkle Zeit ist doch nur Miesepeterei, seien wir ehrlich‘ (so mag es im Wehdekopp rumpeln).

Komisch, die Zeteler kannte ich bisher als Vorbild: Über lange Jahre ein ausgeglichener Haushalt, überregional beachtete Kulturveranstaltungen (Kunstwoche, Gitarrentage), das Kultkino Zeli und da war noch was… ach ja, das Sauf- und Fressevent mit Volkscharakter, der Zeteler Markt. Ein Highlight der Fröhlichkeit, des Miteinanders, der tollen Fahrgeschäfte und der Schnaps- und Bierbuden. Am letzten Tag, Mittwoch, läuft traditionell das Ganztagssaufen auf Grünkohlgrundlage. Als ich einmal am nächsten Morgen durch Zetel ging, fand ich eine eingenässte Bierleiche, die vor einem Geschäftseingang ihren Rausch ausschlief. Seitdem meide ich den Zeteler Markt. Nicht etwa aus moralischem Hochmut! Nein, weil mir dieser noch sehr junge Suffbruder stets vor Augen steht. Da schüttelt es mich.

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Was das mit dem Verfall von grauen Zellen zu tun hat? Dann hört und staunet: Die Zeteler Grünen haben vorgeschlagen, eine Skulptur für den Zeteler Markt ganzjährig aufzustellen. Begeisterung. Zustimmung. Annahme. Kulturkoordinator Chmielewski wird beauftragt, das Konzept zu erarbeiten, und Chmielewski muss schön Pfötchen geben, so kennt man ihn gar nicht, aber so ist das eben mit Herr und äh, Diener: Der eine pfeift, der andere muss springen.

Fazit: Kein Mahnmal an eine unrühmliche Vergangenheit, deren Erinnerung für unser demokratische Verständnis existenziell ist. Dafür eine Skulptur als Kotau an ein traditionell jährliches Drogenfest, denn Alkohol ist die Droge mit der größten Zahl an Todesopfern.

Ein Gutes hat die Entscheidung denn doch: Der Nonsens ist in Zetel eingekehrt. Jetzt können die Zeteler sogar mit schwer schrägem Humor punkten.

Chapeau.

Tage in Eckernförde

Urlaub. Ostsee. Diesmal Eckernförde.

1. Tag

Auspacken. Checken. Sind die Eckernförder anders? Wir betrachten die Exemplare rund um die Marina. Kein Unterschied zu den Touristen. Ach so, das sind alles Touristen. Frage: Wo haust die indigene Bevölkerung? Gibt sie sich zu erkennen? Schnitzt sie an Totempfählen?

2. Tag

Cappuccino auf einem Sonnendeck. Zwei vollfette Vetteln in Wallegewändern neben mir, kettenrauchend (und die Bronchien keuchten). Fleischwülste wuchern metastasierend aus den Wallegewändern, die sich blähen und spannen. Sind Spannlaken der Dernier Cri? Auf dem Bistrotisch ein Kübel Prosecco.
Vettel 1: »Der Kai-Uwe hat jetzt seinen Ferrari gekriegt.«
Vettel 2: »Dann gibt er endlich Ruhe. Aber beim Shoppen siehst du alt aus damit, da passt nichts in den Kofferraum.«
Vettel 1: »Kofferraum ist gut. Hab ich dem Kai-Uwe auch gesagt. Nachn Baumarkt braucht er gar nicht erst hinzueiern. Da brauchst du einen Zweitwagen, hab ich ihm gesagt.«
Vettel 2: »Ohne Zweitwagen kannst du den Ferrari in die Tonne hauen.«
Abgang des Protokollierenden.

3. Tag

Sonnenaufgang an der Eckernförder Bucht. Ein riesiger Schatten hat sich vor die Sonne gepampt: Das Traumschiff Deutschland. Liegt still und rumort im Innern. Auf einer Bank an der Promenade ein Rentnermensch mit grünen Wachshut, vermutlich ein Anglerhut aus aktiven Zeiten.
»Wo die Passagiere wohl sind«, fragt er einen Herrn, der vor der Bank steht und mit einem in Alufolie gewickelten Päckchen zur Deutschland deutet.
»Die sind mit den Rettungsbooten von Bord«, antwortet der Alu-Mann.
Beide plieren zum Kreuzfahrer. Ich auch. Mein Hund pinkelt.
»Ja ja«, sagt der Anglerhut, »aber gesehen hab ich das nicht, und ich sitz hier schon seit einer Stunde.«
»Dann sind die noch an Bord«, sinniert der mit dem Alupäckchen.
»Ja ja, die sind noch an Bord, frühstücken, all inklusive. Danach werden sie mit den Rettungsbooten an Land gebracht.«
»Nee, sehen Sie mal, da vorn, da legt ein Boot ab. Da sind die drin.«
Ein rotes Motorboot, überdacht, entfernt sich von der Deutschland.
»Ich darf ihm wohl nichts geben«, sagt der Alu-Mann zu mir.
»Lieber nicht«, sage ich, »er hat einen empfindlichen Magen. Der kotzt dann.«
»Ich hatte mal einen Dackel«, sagt er, »wenn Fremde ihm was geben wollten, der hat nicht mal dran geschnuppert.«
»Ein guter Hund«, sage ich.
»In dem Paket sind Stullen von gestern, mit Butter und Wurst. Die Möven fressen das.«
»Möven, das sind praktisch Aasgeier«, sage ich.
Rückzug des Protokollierenden.

4. Tag

Es regnet. Draußen in der Bucht ankert jetzt ein anderes Kreuzfahr. Zwei Ausbootboote schlingern zum Hafen. Die Ausgebooteten müssen dort über eine schmale steile hölzerne Zugbrücke, um zur Altstadt Eckernfördes zu gelangen. Als sei das nicht Abenteuer & Herzklabuster genug, müssen sie erfahren, dass hier früher Sprotten gefangen und geräuchert wurden. Mit Karren wurden die dann nach Kiel transportiert. Und die Kieler? Die deklarierten die Ladung um in ›Kieler Sprotten‹.

Die Menschheit war schon immer schlecht. Und der Konsument ist der Gearschte.

Wieder am Strand. Aus dem Wasser taucht jetzt ein behelmter Kopf auf. Ein Wesen aus der Unterwelt? Der Kopf wächst sich zu einem in Schwarz eng eingesackten menschlichen Körper aus, der sich schwerfällig aufrichtet, zum Strand wankt, müde, gebeugt, wie unter der Last von zentnerschweren Selbstvorwürfen. Ein Taucher, widerfährt es mir gleißend, denn der Schlurfende schleppt eine Sauerstoffflasche auf dem Rücken, welche Last! Nur gut, dass der Sohn Gottes ein Kreuz schleppen musste und keine Sauerstoffflasche. Sonst hinge in unseren Kirchen als Symbol des Christentums eine Sauerstoffflasche. Oder ein Taucherhelm. Und der Religionslehrer gäbe Tauchunterricht.

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Hinter dem Taucher weitere Unterweltgestalten, die aus dem Wasser steigen und mühselig an Land stapfen. Woher kommen sie? Sind es Weltenbummler, aufgebrochen von einer jenseitigen Küste? Stampfen sie unter Wasser unbeirrt dahin, geführt von einem inneren Lenkungssystem? Oder sind sie von Fluggeräten abgesprungen, weit draußen, und sie kennen nur ein Ziel, das Ziel aller Ziele: Eckernförde?

Taucher 3

Taucher2

Keiner von uns Touristen wagt es, sie anzusprechen. Stumm waten die Gestalten durch den knirschenden Sand und verschwinden irgendwo auf dem Festland, und das Festland hat einen schaurigen Namen: Eckernförde.

 

5. Tag

Hatte ich fast vergessen: Wer Eckernförde ansteuert, kommt nicht um Sig Sauer herum. Der Name prahlt von einem Turm auf einem Werksgelände an der Sauerstraße. Sig Sauer: Ist das nicht die Pistole, mit der der brutale Cop Denny Malone (die Ratte) in dem Roman Corruption von Don Winslow in New York aufräumt, ein blutiges Massaker anrichtet? Auch Tom Clancy berichtet von der zerfetzten Kraft einer Sig Sauer, dem Synonym deutscher Vernichtungsperfektion in den Händen ruchloser Cops in den Schluchten der Wolkenkratzer…

Kommen etwa die schweigsamen Gestalten, die aus den Tiefen der Ostsee auftauchen, zurück von einer Mission in Übersee, mit der Sig P226 im Holster?

Tipp: Wer den Thrill sucht, gehe nach Eckernförde.

6. Tag

Abstecher nach Büdelsdorf. Wem Büdelsdorf kein Begriff ist, den nenne ich einen Kunstbanausen. Stichwort NordArt. Mehr sage ich nicht dazu.

Ende des Urlaubs.

Fazit: Eckernförde = Zentrum blähender Spannlaken, grausiger Dialoge und düsterer Gestalten, die aus den Tiefen der Ostsee emporsteigen. Produktionsstätte von Fake-Sprotten und halbautomatischen Sig-Sauer-Feuerwaffen. Ein Ort, den die Einheimischen »Eckernförde« nennen.

Fische in Aquarien

Auszug aus dem Bericht des Fredenheimer Kuriers über eine Veranstaltung der Grünen, Ortsgruppe Fredenheim/Detten, am Dienstag, 11. März 2014

»Fische, die ihr sogenanntes Leben in einem Aquarium fristen, sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt sind«, hatte der Referent und grüne Aktivist Herr Rübeswinkel schon eingangs als These ausgegeben. Die zahlreichen Teilnehmer der Vortragsreihe Geprelltes Biotop, die in der Wandelhalle des Thermalbades alle zwei Wochen stattfindet, erhoben sich, um die Wasserproben zu kosten, die Herr Rübeswinkel mitgebracht hatte, »aus originalverseuchten Aquarien heimischer Zoogeschäfte«, wie er versicherte. Elsa Kattenbaum vom Referat Tödliche Welten trat als erste vor und nahm einen gehörigen Schluck. Die anderen warteten. Sie wollten zunächst ihren Kommentar hören. Frau Kattenbaum nickte und sagte, alles, was Herr Rübeswinkel vorgebracht habe, könne sie mit heißer Feder unterschreiben. Daraufhin nahmen auch die anderen Teilnehmer einen Schluck vom Wasser originalverseuchter Aquarien.

Aus: Die Fredenheim Fragmente (H.J. Teschner)

Wutradler in Varel

In Varel tobt der Krieg. Radfahrer gegen die Stadtverwaltung. Die Stadtverwaltung gegen das Unausweichliche. Alle aber vereint im Geiste gegen einen Herrn namens Michael Heydenbluth, der den Vareler Radfahrverkehr aufmischt, vor den Gerichten klagt, weil, die Radwege hier erfüllen nicht die gesetzlichen Vorschriften an Breite & Güte, also darf keine Radwegebenutzungspflicht hin, das haben ihm die verwaltungsgerichtlichen Instanzen bestätigt, und nun müssen die Var-Radler auf die Straßen ausweichen, vornehmlich auf die Oldenburger Straße mit ihrem kregeligen Autoverkehr und den Lastwagenkolonnen, ein Selbstmordkommando, wie das gemeine Vareler Prozessopfer aufschreit aus tiefster Not und dem Herrn Heydenblutz, nee, Heydenbluth (der Name sagt ja wohl alles) die Pest an den Hals wünscht, der soll da bleiben, wo ihm der Pfeffer in den Hintern wächst, und mit Pfeffer meint der Fahreler Wutradler die Stadt Jever, denn der Heydenblunz kommt gar nicht aus Varel, prozessiert dennoch gegen alles Böse außerhalb seines jeveranischen Pfefferbracks, und das kann hier keiner durchgehen lassen, Punkt. Dass die Vareler Politik & Verwaltung diesen radlerischen Schlamassel seit Jahren herbeigeschnarcht hat: Wen interessierts? Nein, der Teufel ist ausgemacht, ausgewiesen und öffentlich ausgerufen: Herr Heydenbluth aus Jever, Prozesshansl, quasi Knöllchen-Horst auf Fahrradebene. Der aufgewühlte Empörungsvareler wirft Tintenfässer resp. tinten- und gifttriefende Leserbriefe gegen den, na, wie umschreib ich’s mal, quasi wie weiland der Luther das Tintenfass gegen die Satansfratze an seiner Studierstubenwand oben in der Wartburg.

Zwischendurch mal Luft holen ist nicht drin. Das Volk kocht über. Und wählt dennoch immer wieder dieselben Verursacher, so wie bundespolitisch unsere „Regentin“ bzw. „Majestät“ (Zudeick), deren Persönlichkeitsstruktur als amorph, quallenkompatibel, teigig nicht ganz unwohlwollend beschrieben werden könnte, aber so sind die Leut: Sich einlullen lassen ins wohlig Bemutterte, und wenn es dann kracht oder irgendwas ins schwer Unangenehme driftet, treibt man einen Sündenbock auf und jagt ihn auf die Schandbühne. Auf der großen Bühne sind es derzeit die Dieselverbrecher (nicht aber die Dieselverbrecherlobbyisten in Berlin), auf der kleinen, provinziellen eben der Herr Heydenbluth. Und so pinkelt man (siehe Wahlen) nicht ergebnisoffen, sondern wie bisher: ins eigene Hemd.

Moin

Ein gutes Gespräch, das ich mit Corinna führte

MasterMenschen-26

 

»Ich habe mal ein Foto von einer Frau in einem roten Rock geschossen.«
»Ja und«, sagte Corinna.
»Sie stand vor einer Wand und betrachtete ein Foto, auf dem eine Frau in einem roten Rock abgebildet war.«
»Das ist nichts«, sagte Corinna, »ich habe selbst schon einmal vor einer Wand mit einem Foto gestanden.«
»Vor einem Foto mit einer Frau in einem roten Rock?«
»So ist es«, sagte Corinna.
»Aber du hattest keinen roten Rock an?«
»Nein, ich hatte eine blaue Jeans an«, sagte Corinna.
»Siehst du«, sagte ich, »das ist der Unterschied.«

Mein Mini-Wiki

Künstliches Gemüse

Um künstliches Gemüse herzustellen braucht es viel Chemie und eine Rührtrommel. Die einzelnen Verfahrensschritte unterscheiden sich, je nachdem Brokkoli, Salat oder Rotkohl erzeugt werden soll. Da der Verbraucher nicht merken soll, dass seine Mahlzeit aus dem Retortenbottich kommt, werden Form- sowie Festigkeitszusätze eingeschlemmt, die, nachdem ein artverwandtes Gen den Gerinnungsprozess in Gang setzt, die Brühjauche zu makellosen Exponaten der landwirtschaftlichen Produktpalette ausreifen lässt. Mitunter kommt es vor, dass mutationsbedingte Missgeburten resp. Fehlkreationen aus den Bottichen gespült werden, wie z. B. aufgedunsene Schweine oder einmal sogar ein achtbeiniger Ziegenbock, aber das sind Ausreißer, die nicht in den Kochtopf des Verbrauchers gelangen.

Einfacher gestaltet sich die Fabrikation einer künstlichen Mettwurst, vergleichbar der Herstellung eines künstlichen Darmausgangs. Aber wer will es sich schon einfach machen?

 

Einheimische – Ausheimische

Einheimische, das sagt schon das Wort, heimen ein, und zwar in der Heimstatt ihres zentralen Aufenthaltes, aber auch, weiter gefasst, in der Region, die sie beheimen, und wo sie, wie man richtig unterstellt, ihre Wurzeln haben. Ausheimische müssen demnach Einheimische sein, die ausgeheimt haben oder wurden bzw. sich in einem ausheimischen Ort ihres Daheimseins niedergelassen haben. Wenn Ausheimische, deren Wurzeln ohnehin in entfernten Regionen stecken, sich in Regionen einheimen wollen, die abseits dieser ihrer eigentlichen Wurzelregion liegen, welche man als primäre Heimstattregion anzusehen nicht abstreiten kann, dann kommt es zu dem Fall, dass der nunmehr ins Neueinheimische konvertierende Alteinheimische gleichzeitig ein Ausheimischer ist, denn seine Wurzelregion ist von hier aus betrachtet ausheimisch gelegen. Da der Ausheimische aus Gründen der Logik nicht gleichzeitig einheimisch sein kann (s. Aristoteles; Satz vom Widerspruch), muss hier eine Doppelausheimischkeit vorliegen, der zwar ursprünglich eine Einheimischkeit zugrunde lag, die aber durch den steten Wechsel des Ausheimens von hie nach da und dort aus dem Blickfeld der Betrachtung geheimt ist.

Benefiz für Benefitte

Reißt das langsam ein hier in Varel? Benefizessen für den guten Zweck?

Den Anfang machte Frau Radziwill. Ein Wohltätigkeitschmaus im Alten Kurhaus. Worum ging es? Um des Malers und Tochtervaters Reputation und weiteren Veredelung durch pekuniäre Beiträge, gedacht als Unterfütterung der kuratorischen Aufarbeitung des Nachlasses wie auch der „Begehbaren Biografie“ des Wohnhauses Radziwill im Dangastischen, dem Jadebusen vorgelagert. Ruhm muss hergestellt werden, oder weiter  aufgeblasen, je nach Sichtweise. Weltweite Vermarktung gesichert. Und je mehr Aufmerksamkeit, je größer das öffentliche Erheischen & Gebrunze nach Publizität & Anerkennung, je lauter der Pudel, desto stärker steigt der Rubel, wollt sagen, der Wert der Werke.

Ein simples Vorgehen. Das Benefiz-Dinner (100 Euro pro Teller Geschmortes) sollte also Geld, so profan es klingt, in die Radziwillsche Vereinskasse spülen, ein hehrer Zweck, geht es doch um hohe Kunst. Wenn da nicht der Beigeschmack aufmüffelte, dass hier eine Wohtätigkeit in die eigene Tasche, und sei es als Nebeneffekt, tröpfelte. Siehe den oben beschriebenen Wertsteigerungsmechanismus.

Der Benefizsause zweiter Teil:

Möglicherweise angeregt durch die Radziwill-Benefitierung startet auch der Verein Ketaaketi durch, der sich der Unterstützung der „Ärmsten der Armen“ verschrieben hat, in Varel seinen Ausgang nahm und in seinem karitativem Wirken große Erfolge & Meriten verbuchen kann. Indes, die Suche nach den „Ärmsten der Armen“ hat mich etwas irritiert. Gefunden wurden „ärmste“ Kinder in Nepal ohne Schulausbildung. Nicht ganz einsichtig war mir, warum man bis nach Nepal reisen muss, um arme Kinder zu finden und seinen Wohltätigkeitsanspruch zu erfüllen.

Die Etikettierung „Ärmste“ scheint mir eh etwas zu vollbusig dahergeredet. Wer sich um die „Ärmsten“ kümmert (eine Steigerung der möglichen Armut scheint qua Definition nicht möglich) belegt sich im Umkehrschluss als „Wohltätigster der Wohltäter“. Dachte ich, aber dann habe ich von noch Ärmeren gehört, den „Allerärmsten“, in Afrika, und im Vergleich dazu klingt das Prädikat „Ärmste der Armen“ bescheiden und verschämt zurückhaltend.

Meinen Denkfehler gebe ich zu. Das kommt davon, wenn man einer vermeintlichen Sprachlogik vertraut.

Das Benefiz-Schlemmen mit Konzerteinlage kostet 35 Euro ohne Getränke. Hartz-IVer müssen draußen bleiben. 10 Euro geht als Benefitting an den Verein. Gut so. Deshalb mein Aufruf: Schlagt euch die Bäuche voll und spendet. Die „Ärmsten der Armen“ müssen die Umstände ja nicht erfahren.