Schlagwort: Friesland

Zeteler Erinnerungskultur

Wenn der Suff zuschlägt, saufen zuerst die Gehirnzellen ab und japsen um Gnade. So könnte man die Folgen übermäßigen Alkoholkonsums beschreiben. Dass eine Eintrübung der grauen Zellen auch ohne Zufuhr von Korn & Bier, dem traditionellen nordischen »Gedeck« nicht unmöglich scheint, führen uns dieser Tage die Ratsherren aus Zetel in der friesischen Wehde vor Augen. Der Kunstverein »Bahner« hatte ein Mahnmal initiiert, mit dem der Zwangsarbeiter gedacht werden sollte, die die Bundesstraße zwischen Bockhorn und Neuenburg während der NS-Zeit errichteten. Für das Projekt hatten die »Bahner« bereits 7500 Euro an Zuschüssen eingeworben, und die Gemeinde Zetel wurde um eine Restsumme von 4000 Euro gebeten. Aber nix da. Auf Antrag der SPD wurde das Thema zurückgestellt.

Ein üblicher lokalpolitischer Vorgang? Wenn man davon absieht, dass der friesische Wehdekopp mit einer Aufarbeitung seiner Vergangenheit eh nichts zu tun haben will und diesen seinen Kopp lieber in den Urwaldboden schraubt und nix sehen will von den dunklen Seiten und damit gleichfalls nix von einer üblen Zukunft, die auf ihn zurollen könnte, da er keine Lehren ziehen kann oder will aus seiner verdrängten Geschichte, keine Werkzeuge in die Hand nehmen will, um eine Wiederholung zu verhindern.

‚Dieses Erinnerungsgetue an die dunkle Zeit ist doch nur Miesepeterei, seien wir ehrlich‘ (so mag es im Wehdekopp rumpeln).

Komisch, die Zeteler kannte ich bisher als Vorbild: Über lange Jahre ein ausgeglichener Haushalt, überregional beachtete Kulturveranstaltungen (Kunstwoche, Gitarrentage), das Kultkino Zeli und da war noch was… ach ja, das Sauf- und Fressevent mit Volkscharakter, der Zeteler Markt. Ein Highlight der Fröhlichkeit, des Miteinanders, der tollen Fahrgeschäfte und der Schnaps- und Bierbuden. Am letzten Tag, Mittwoch, läuft traditionell das Ganztagssaufen auf Grünkohlgrundlage. Als ich einmal am nächsten Morgen durch Zetel ging, fand ich eine eingenässte Bierleiche, die vor einem Geschäftseingang ihren Rausch ausschlief. Seitdem meide ich den Zeteler Markt. Nicht etwa aus moralischem Hochmut! Nein, weil mir dieser noch sehr junge Suffbruder stets vor Augen steht. Da schüttelt es mich.

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Was das mit dem Verfall von grauen Zellen zu tun hat? Dann hört und staunet: Die Zeteler Grünen haben vorgeschlagen, eine Skulptur für den Zeteler Markt ganzjährig aufzustellen. Begeisterung. Zustimmung. Annahme. Kulturkoordinator Chmielewski wird beauftragt, das Konzept zu erarbeiten, und Chmielewski muss schön Pfötchen geben, so kennt man ihn gar nicht, aber so ist das eben mit Herr und äh, Diener: Der eine pfeift, der andere muss springen.

Fazit: Kein Mahnmal an eine unrühmliche Vergangenheit, deren Erinnerung für unser demokratische Verständnis existenziell ist. Dafür eine Skulptur als Kotau an ein traditionell jährliches Drogenfest, denn Alkohol ist die Droge mit der größten Zahl an Todesopfern.

Ein Gutes hat die Entscheidung denn doch: Der Nonsens ist in Zetel eingekehrt. Jetzt können die Zeteler sogar mit schwer schrägem Humor punkten.

Chapeau.

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Wutradler in Varel

In Varel tobt der Krieg. Radfahrer gegen die Stadtverwaltung. Die Stadtverwaltung gegen das Unausweichliche. Alle aber vereint im Geiste gegen einen Herrn namens Michael Heydenbluth, der den Vareler Radfahrverkehr aufmischt, vor den Gerichten klagt, weil, die Radwege hier erfüllen nicht die gesetzlichen Vorschriften an Breite & Güte, also darf keine Radwegebenutzungspflicht hin, das haben ihm die verwaltungsgerichtlichen Instanzen bestätigt, und nun müssen die Var-Radler auf die Straßen ausweichen, vornehmlich auf die Oldenburger Straße mit ihrem kregeligen Autoverkehr und den Lastwagenkolonnen, ein Selbstmordkommando, wie das gemeine Vareler Prozessopfer aufschreit aus tiefster Not und dem Herrn Heydenblutz, nee, Heydenbluth (der Name sagt ja wohl alles) die Pest an den Hals wünscht, der soll da bleiben, wo ihm der Pfeffer in den Hintern wächst, und mit Pfeffer meint der Fahreler Wutradler die Stadt Jever, denn der Heydenblunz kommt gar nicht aus Varel, prozessiert dennoch gegen alles Böse außerhalb seines jeveranischen Pfefferbracks, und das kann hier keiner durchgehen lassen, Punkt. Dass die Vareler Politik & Verwaltung diesen radlerischen Schlamassel seit Jahren herbeigeschnarcht hat: Wen interessierts? Nein, der Teufel ist ausgemacht, ausgewiesen und öffentlich ausgerufen: Herr Heydenbluth aus Jever, Prozesshansl, quasi Knöllchen-Horst auf Fahrradebene. Der aufgewühlte Empörungsvareler wirft Tintenfässer resp. tinten- und gifttriefende Leserbriefe gegen den, na, wie umschreib ich’s mal, quasi wie weiland der Luther das Tintenfass gegen die Satansfratze an seiner Studierstubenwand oben in der Wartburg.

Zwischendurch mal Luft holen ist nicht drin. Das Volk kocht über. Und wählt dennoch immer wieder dieselben Verursacher, so wie bundespolitisch unsere „Regentin“ bzw. „Majestät“ (Zudeick), deren Persönlichkeitsstruktur als amorph, quallenkompatibel, teigig nicht ganz unwohlwollend beschrieben werden könnte, aber so sind die Leut: Sich einlullen lassen ins wohlig Bemutterte, und wenn es dann kracht oder irgendwas ins schwer Unangenehme driftet, treibt man einen Sündenbock auf und jagt ihn auf die Schandbühne. Auf der großen Bühne sind es derzeit die Dieselverbrecher (nicht aber die Dieselverbrecherlobbyisten in Berlin), auf der kleinen, provinziellen eben der Herr Heydenbluth. Und so pinkelt man (siehe Wahlen) nicht ergebnisoffen, sondern wie bisher: ins eigene Hemd.

Moin

Benefiz für Benefitte

Reißt das langsam ein hier in Varel? Benefizessen für den guten Zweck?

Den Anfang machte Frau Radziwill. Ein Wohltätigkeitschmaus im Alten Kurhaus. Worum ging es? Um des Malers und Tochtervaters Reputation und weiteren Veredelung durch pekuniäre Beiträge, gedacht als Unterfütterung der kuratorischen Aufarbeitung des Nachlasses wie auch der „Begehbaren Biografie“ des Wohnhauses Radziwill im Dangastischen, dem Jadebusen vorgelagert. Ruhm muss hergestellt werden, oder weiter  aufgeblasen, je nach Sichtweise. Weltweite Vermarktung gesichert. Und je mehr Aufmerksamkeit, je größer das öffentliche Erheischen & Gebrunze nach Publizität & Anerkennung, je lauter der Pudel, desto stärker steigt der Rubel, wollt sagen, der Wert der Werke.

Ein simples Vorgehen. Das Benefiz-Dinner (100 Euro pro Teller Geschmortes) sollte also Geld, so profan es klingt, in die Radziwillsche Vereinskasse spülen, ein hehrer Zweck, geht es doch um hohe Kunst. Wenn da nicht der Beigeschmack aufmüffelte, dass hier eine Wohtätigkeit in die eigene Tasche, und sei es als Nebeneffekt, tröpfelte. Siehe den oben beschriebenen Wertsteigerungsmechanismus.

Der Benefizsause zweiter Teil:

Möglicherweise angeregt durch die Radziwill-Benefitierung startet auch der Verein Ketaaketi durch, der sich der Unterstützung der „Ärmsten der Armen“ verschrieben hat, in Varel seinen Ausgang nahm und in seinem karitativem Wirken große Erfolge & Meriten verbuchen kann. Indes, die Suche nach den „Ärmsten der Armen“ hat mich etwas irritiert. Gefunden wurden „ärmste“ Kinder in Nepal ohne Schulausbildung. Nicht ganz einsichtig war mir, warum man bis nach Nepal reisen muss, um arme Kinder zu finden und seinen Wohltätigkeitsanspruch zu erfüllen.

Die Etikettierung „Ärmste“ scheint mir eh etwas zu vollbusig dahergeredet. Wer sich um die „Ärmsten“ kümmert (eine Steigerung der möglichen Armut scheint qua Definition nicht möglich) belegt sich im Umkehrschluss als „Wohltätigster der Wohltäter“. Dachte ich, aber dann habe ich von noch Ärmeren gehört, den „Allerärmsten“, in Afrika, und im Vergleich dazu klingt das Prädikat „Ärmste der Armen“ bescheiden und verschämt zurückhaltend.

Meinen Denkfehler gebe ich zu. Das kommt davon, wenn man einer vermeintlichen Sprachlogik vertraut.

Das Benefiz-Schlemmen mit Konzerteinlage kostet 35 Euro ohne Getränke. Hartz-IVer müssen draußen bleiben. 10 Euro geht als Benefitting an den Verein. Gut so. Deshalb mein Aufruf: Schlagt euch die Bäuche voll und spendet. Die „Ärmsten der Armen“ müssen die Umstände ja nicht erfahren.