Schlagwort: Verstehen

Heimat – ein Nixverstahn

Zur Zeit ist »Heimat« das Riesenschlagloch, ich meine Schlagwort, das uns Rezipienten von Politikvertretern, von Medien & Mediokratien (Achtung: Wortschöpfung) in den Schlund geschoben wird als Geistesnahrung und demokratischem Notfallbrocken. Da offenkundig niemand weiß, was Heimat ist, wo sie herkommt und was unter ihrem Rockzipfel modert oder köchelt, erbrechen die Interpretationshohepriester wohlfeile Phrasen und dreschflegeln damit auf unsere armen Untertanenbirnen.

Wir Dummdeutschen sehnen uns nach Heimat, das sagen die Bundeswahlergebnis-deuter, und sie beruhigen ihr Entsetzen darüber mit Sprechblasen, die wiederum uns erschrecken, weil, was sagen uns eigentlich die Worte unseres Bundessedativums Steinmeier: »Verstehen und verstanden werden, das ist Heimat.«

Bitte? Bin ich also, der diesen Satz nicht versteht, einer dieser gefährlichen gefühlt Heimatlosen, die die AFD wählen (Achtung, kein Missverständnis bittschön, ich wähle ganz bestimmt nicht die AFD!). Oder macht mich der Bundespräsi erst dazu, indem er solche Sätze absondert? Kann es nicht eher sein, dass er die Begriffe verwechselt, dass er ›Verstehen‹ für ›Verständnis aufbringen‹ hält? Verstehen ist für mich zumindest eine Vorform und eine der Bedingungen des Ausdrucks ›Verständnis aufbringen‹. Und selbst damit ist noch lange keine Heimat hergestellt oder geortet. Verstehen und verstanden werden ist ein Satz, der in seiner Trivialität auf jeden & alles (und damit auf nichts) angewendet werden kann: auf Kameradschaftszusammenhalt; auf ein Psychorollenspiel; auf Todfeindschaften (ich verstehe die Ansichten meines Kontrahenten, die machen mich rasend; und meine Ansichten werden von ihm verstanden, was ihn wiederum rasend macht). Oder, anwendet auf die Niederungen friesischen Brauchtums: auf die Sauftour mit Böllerwagen und anschließendem Kotzgelage, denn ohne verstehen und verstanden werden der Beteiligten funktioniert das nicht.

Ist das schon Heimat?

Vermutlich sind den Wahlforschern von vornherein die Begriffe durcheinander geraten. Statt Heimat, diesem diffusen Schlagwort mit rechtsradikaler Konnotation und deutschhistorisch vergifteter Färbung meinten sie wahrscheinlich HEILE WELT, aber die Konsumenten des unklaren Begriffs Heimat nehmen ihn unkritisch und begierig auf, und so sabbeln sie denn auch.

Heimat, um überhaupt das Wort in den Mund zu nehmen, ist für mich der Ort oder die Umgebung, die auch das Nichtverstehen zulässt, wo auch miteinander gefetzt wird, wo man manchmal mit seiner Ansicht alleine dasteht, wo sich Argumente gegeneinander querstellen und nicht aufgelöst werden können. Das andere ist heile Welt oder Schlaraffenland.

»Heimat entsteht durch das Handeln« überschriftet eine Florentine Fritzen in der FAS. Klar, aber entsteht Heimat nicht auch durch Atmen und beatmet werden? Heh, nicht abwinken, schwer nachdenken, ist schließlich ein Transfer des steinmeierschen Epigramms auf die Fritzenebene und damit Hochdiskurs. Oder dies: »Trinken und betrunken werden, so konstituiert sich Heimat.« (Hajo, im Traditionsmodus, siehe Böllerwagen).

Wieder ernsthaft:

Wer noch immer über das Tiefsinnige der Metaphernschwämme unserer Volxversteher grübelt, für den habe ich eine Denkaufgabe: Heimat entsteht, wenn Deutungshoheiten sie definieren. (So, wie ein Pissoir zur Kunst wird, so es denn zur Kunst erklärt wird, s. Marcel Duchant).

Ein kleiner Vorschlag an die Politiker: Sich nicht in das Heimatgedudel hineinziehen lassen, nicht darüber mit taktischem, also verlogenem Wischiwaschigewäsch á la Merkel die Zeit vergeuden. Stattdessen die vielen konkreten Probleme (Pflege, Rente, Bildung etc.) angehen. Das Anwachsen der Politikverdrossenheit und der Wut wird nicht durch Heimatgefasel gebremst.

Moin

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